Die Mär mit dem Twee-Q

Gender und Gleichstellungtweeq

Seit einigen Tagen landen vermehrt gleichlautende Tweets in meiner Timeline:

How equal are your tweets? @users’s Twee-Q is X. Distribution of retweets: Y% women, Z% men. #tweeq http://TWEE-Q.com

Meistens wurden diese Tweets von Personen, die ich auf Grund ihres Interesses an Gleichstellungsthemen und oder ihrem Interesse an geschlechterübergreifender Problembehebung lese, verfasst. Desto erschreckender fand ich, dass der Dienst Twee-Q von diesen Personen weder hinterfragt, noch genau betrachtet wurde, was dort eigentlich gemacht wird. Stattdessen wurde die Idee sogar als „gut aber nicht weitreichend“ bezeichnet und durch die offene Möglichkeit Nutzer zu bewerten sogar bewusst Personen an den Pranger gestellt.

Denn Twee-Q ist nicht nur statistische Kaffeesatzleserei, sondern schafft ein Problem welches nicht existieren würde, wenn man es nicht durch Twee-Q erst geschaffen hätte.

Was ist Twee-Q?

Twee-Q ist die Idee, einen Twitter Equality Quotienten zu schaffen, also einen „Gleichstellungs“-Wert, wie oft man eine Frau oder einen Mann retweetet hat. Daraus soll dann indiziert werden, ob die retweetende Person sich gleichberechtigt zu den Geschlechtern verhält oder nicht. Die Idee stammt von der schwedischen Organisation „Crossing Boarders“, die sich für Gleichberechtigung in Organisationen, Unternehmen und Vereinen einsetzt. Sie selbst bezeichnen ihre Arbeitsweise und ihre Zielsetzung wie folgt:

Crossing Borders has developed a practical guide that opens shut doors, introduces female role models and through robust methods, strengthens young women’s confidence and self-esteem. The goal is equal right to an active leisure.

Eingeleitet wird der „Test“ mit der Frage:

Do you think about sex on Twitter?

was ich für mich ganz klar mit Nein beantworten würde und baut dann mit der Fragestellung darauf auf:

Gender equality is always a hot conversation topic on Twitter. We were curious about how equal the conversation ON Twitter really is and created this little experiment in order to find out the truth. The idea is as simple as elegant: insert the twitterhandle you want analyzed and we’ll check the balance between the sexes behind your retweets. A 10 is the perfect Twee-Q. Do you dare to start with yourself?

Faktisch kann dies aber nicht passieren, da ein statistisches Verhalten von 50% überhaupt nichts mit Gleichstellung und Gleichberechtigung zu tun hat, vor allem nicht bei einem individuell genutzten Medium wie Twitter. Hierfür wären wenn überhaupt nicht nur weitere Faktoren ausschlaggebend, die einfach nicht erfüllt werden können, sondern eben auch ein „gleiches“ Verhalten der Nutzer. Es handelt sich deshalb hierbei lediglich wieder um eine – dazu noch schlechte – statistische Spielerei, die eher neue Probleme schürt, als reale Probleme aktiv bekämpft, doch dazu folgend mehr.

Wie funktioniert Twee-Q?

Twee-Q analysiert aus den letzten 100 Tweets die darunter vorhandenen Retweets und gleicht lediglich die dort auslesbaren Vornamen mit einem schwedischen Namenslexikon ab und generiert daraus einen Wert zwischen 0 und 10, wobei 0 ein angeblich sehr ungerechtes Verhalten und 10 ein sehr gleichberechtigtes Verhalten zwischen den beiden Primärgeschlechtsmerkmalen wäre.

Dabei lässt der Dienst aber das individuelle Nutzerverhalten, sowie den Inhalt, der wohl meistens der primäre Grund für einen Retweet ist, völlig außer acht und schafft somit eher ein Problem und schürt einen Grabenkampf, den es ohne diesen Dienst gar nicht geben würde. Denn der Großteil der Nutzer wird wohl nicht wegen einer gewissen Geschlechtszugehörigkeit gefolgt, sondern wegen des von ihnen produzierten Inhaltes. Twitter sieht gar keine Geschlechtserkennung vor, was einige Nutzer auch aktiv ausnutzen um unter einem Spitznamen oder ohne die Nutzung ihres Realnamen auftreten, um davon losgelöst ihre Inhalte zu verbreiten.

Außerdem ist ausschlaggebend, dass es kein standatisiertes Nutzungsverhalten von Twitter gibt. Die einen nutzen es für Wortakrobatik, die anderen für zwischenmenschlichen Kommunikation als SMS-Ersatz, andere als Link- und Informationsdienst und der Großteil wohl als eine Mischung aus all diesen Faktoren.

Da Twitter selbst nicht das Geschlecht erhebt, hat MBA mal die Demographie erechnet und kam laut mashable auf folgenden statistischen Wert, auf den sich auch Twee-Q beruft:

twitterstatistik

Auch hier zeigt sich, dass man leider nicht herausfinden kann, wie sie diesen Wert errechnet haben wollen, aber danach wären also 41% männliche Nutzer und 59% weibliche Nutzer auf Twitter, womit schon mal ein ungleiches Nutzungsverhalten gegeben wäre. Da mich im Zusammenhang mit Twee-Q mal interessiert hat, wie ich selber Personen auf Twitter folge habe ich das individuelle Nutzerverhalten von mir selber versucht als Grundlage für die Ineffizienz und Problematik von Diensten und Ideen wie Twee-Q zu nehmen.

Individuelles Nutzerverhalten

Ich folge mit meinem Account aktuell 505 Accounts auf Twitter, die selbstverständlich in unterschiedlichen Intervallen Tweets posten und dies nicht zur gleichen Tageszeit. Dies ist relevant, da ich nicht die komplette Timeline lese, sondern nur ab und an reinschaue, dann spontan einige Tweets lese und somit automatisch Beiträge von Personen die seltener oder zu anderen Zeiten schreiben überlese, wenn sie nicht gerade in meinem Sichtfeld auftauchen.

Ich bin jetzt mal oberflächlich diese 505 Accounts durchgegangen und habe geschaut, ob es für mich erkennbar ist, ob die Person männlich, weiblich oder queer ist. Selbst für mich ist dies manchmal schwierig, denn beispielsweise ein @tEErohr würde sich wohl wahrscheinlich selbst als männliche Person bezeichnen, definiert dies aber nicht im Namen und Beschreibung, sondern die Schlussfolgerung wäre nur anhand des Profilbildes möglich. Eine @IsabeIIe bezeichnet sich zwar selbst als Trans*, würde bei einem Retweet für den Dienst Twee-Q aber als weibliche Person durch den gewählten Namen bei Twitter verbucht werden. Eine @FlowLightning lässt zwar durch das Profilbild den Eindruck vermitteln, es könnte sich um eine weibliche Person handeln, dies steht aber weder im Profil noch ist es vielleicht die Eigenbezeichnung, genauso wie ein @bl4uge. Ein @n3rdmaedchen würde sich wohl aber als weiblich bezeichnen, ist aber nicht für Twee-Q erkennbar. Und was ist ein @KapuzenAuf? Ich folge diesen Personen halt nicht aus Gründen der erkennbaren Geschlechtsmerkmale, sondern weil ich sie entweder persönlich kenne und oder interessant finde, was sie schreiben.

Eine Auflistung meines Folgeverhalten anhand der von mir zwar noch immer irrelevanten aber für diesen Beitrag zugeordneten Geschlechter sehe wie folgt aus:

  • 135 weibliche* Personen
    • davon 45 nicht maschinell auslesbar durch Nickname.
  • 36 queer* Personen
    • davon 12 für Twee-Q als weibliche* Personen durch Namen zählend.
  • 189 männliche* Personen
    • davon 76 nicht maschinell auslesbar durch Nickname.
  • 145 unspezifischen Accounts
    • (Humor, Service, Marke, selbst für mich nicht definierbar, etc.)

Somit wären 102 Personen für Twee-Q wohl als weiblich und 113 als männliche Follower  erkennbar, was man wohl in statistischer Rhetorik mit 47% zu 53% als annähernd „gleichberechtigt“ gelten lassen könnte. Natürlich nur, wenn all die für mich erkennbaren Vornamen im schwedischen Lexikon ebenfalls so definiert sind, was ich bei Nadja oder Stefan noch glaube, aber nicht bei Caspar oder Morticia. Jan ist im schwedischen zum Beispiel ein weiblicher Vorname.

Doch bewertet Twee-Q halt auch nicht die Gesprächsaktivität der Personen, denn wie oft sie Tweets in meine Timeline schreiben wäre ja ebenfalls relevant, da nur wenn sie sichtbar sind es ja auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich sie retweeten werde und hier ein „gleichberechtigtes“ Verhalten notwendig wäre. Laut manageflitter sind beim manuellen groben überfliegen die Personen, die am meisten Tweets in meine Timeline schreiben zu 65% Frauen und nur 35% Männer, wieder nach Name und meiner subjektiven Erkennbarkeit aussortiert. Hierunter fallen dann aber auch reine Mentions, die man natürlich weniger retweetet, als Tweets mit Links oder „witzige Sprüche“.

Interessant wäre dann ja noch die inhaltliche Auswertung. Wenn ich folgenden Tweet retweete, wird er auf die männliche Seite durch den Vornamen schlagen, obwohl die Nachricht klar als ein Tweet erkennbar ist, der sich für Gleichberechtigung einsetzt:

Und genau dies ist das fatale bei einem Dienst wie Twee-Q. Es reduziert das sonst eher geschlechtsneutrale Verhalten bei Twitter durch nicht erkennbare Geschlechtsdefinition und die eher aus inhaltlichen Gründen erfolgten Retweets und kehrt sie durch eine gutgemeinte Statistik nur aus den erkennbaren Personen, die sich einen Vornamen gegeben haben in ein Werkzeug um, was ein Problem problematisiert, was eigentlich keins ist.

Ihrem Wunsch, dass:

Only when we have to see how we act, and who we choose to listen to, who we choose to acknowledge, then we can take the first steps towards a truly equal society. It’s easy to assume that gender equality is something that others need to improve on, but until we see our own roles in creating a truly equal society, we continue to tread water.

werden Crossing Boarders mit Twee-Q somit überhaupt nicht gerecht, sondern treten selber das Wasser und schüren damit weiterhin den Streit zwischen veralterten Geschlechtermodellen. Sie schaffen eine Baustelle, die wenn man Twitter so nutzen würde wie es gedacht ist, nicht vorhanden wäre und schaffen es damit ihr sexistisches Weltbild zu manifestieren, welches sie ja eigentlich bekämpfen möchten.

Die Folgen zeigen sich daran, dass einige Nutzer aktiv danach gesucht haben, wie „schlecht“ der Twitter Equality Quotient eines anderen Nutzers ist und dann der vom Dienst bereitgestellte Tweet veröffentlicht wurde im Bewusstsein, diese Person unter den eigenen Followern mit diesem fiktiven Wert bloßzustellen. Dies fördert nicht nur die Kluft zwischen den Personen die in Geschlechterrollenbildern denken, sondern weil ein Vorwurf in den Raum durch eine angebliche Statistik gestellt wird, auch noch eine massive Ungerechtigkeit an den betroffenen Personen begangen wird.

Der Dienst wird also primär als Werkzeug genutzt, um dass eigene geschlechtsbezogene Weltbild zu verstärken, ohne zu hinterfragen, ob dies ein wirkliches Problem ist was ich da gerade beleuchte und ob es etwas an meiner persönlichen Situation verbessert oder ob es etwas für die ich mich stark machende Geschlechterrolle positiviert.

Denn wem ist damit geholfen, dass ich 50% weiblich retweete und 50% männlich, wenn doch der Inhalt den ich von einem Mann retweete, sich ebenfalls für die Abschaffung real-exististierende gesellschaftliche Probleme einsetzt, die zu einer Ungleichbehandlung von Personengruppen im Alltag führt?

Untitled - 8

Denn genau daraus resultiert ein Problem für Menschen wie mich, die sich noch nie Gedanken darüber gemacht haben, ob sie nun männliche oder weibliche Personen retweeten. Ich mache dies aus dem Inhalt heraus, der aber nichts aus meinem sonstigen Verhalten gegenüber Personengruppen anhand eines Geschlechtes sagt.

Ich begegne Menschen und ihrem Menschenbild zuerst individuell mit Respekt und Toleranz, versuche aktiv ohne auf das Geschlecht oder andere Merkmale zu achten die daraus resultierenden gesellschaftlichen Probleme zu erkennen, ohne die Sichtweise auf andere Personengruppen zu verlieren und diese dadurch eventuell wieder zu benachteiligen. Ich sehe eben nicht die Schublade „Frau“ oder „Mann“, in die ich jede augenscheinliche Frau oder Mann stecken kann.

Geschlecht ist durch Twee-Q aber ein eingeworfenes Merkmal, was bei Twitter nie zu einer Ungleichbehandlung geführt hat, da es ein Individualmedium im Nutzungsverhalten ist. Nun aber das Geschlecht durch einen herbeigezauberten Wert zu thematisieren führt dazu, dass Personen sich damit auseinandersetzen und eine vorher nie relevante Baustelle geschaffen wird.

Es ist genauso als würde ich anhand der Vornamen herleiten, ob die Person einer gewissen Religion angehört und dann sagen, ich müsse für mehr Religionsfreiheit auch mehr diese Gruppe von Personen retweeten. Ich retweete Menschen anhand ihrer geäußerten Inhalte, nicht wegen ihrer äußerlichen Merkmale oder der Namen. Manche retweete ich thematisch auch einfach nicht, weil es nicht meine Themen sind, sondern ich sie nur einfach gerne lese und mich darüber informiere.

Hätte Crossing Boarders wirklich etwas für die Gleichstellung der primären Geschlechterrollenbilder versucht zu erreichen, hätten sie die Zeit und das Geld, welches in die Entwicklung von Twee-Q investiert wurde, in eine Kampagne für neutrale Namensbenennung von Kindern gesteckt. So verfallen sie selber durch eine sich selbst herbeigeschaffene Statistik in ihre eigene Selbsterhaltung und manifestieren so das Weltbild, was sie eigentlich bekämpfen möchten.

Gleichberechtigung entsteht halt eben nicht, wenn ich noch in 0 und 1 denke, sondern erreicht wird, dass wir alle gleichberechtigt als eine individuelle 2 behandelt werden.

Oder wie @euzebia getwittert hat: